Brasilien Reise – Minas Gerais: Der Kunstpark Inhotim
Eine Tropenlandschaft voller Kunst – Inhotim in Brasilien
Warum sich der Weg zu Lateinamerikas größtem Open-Air-Museum lohnt
Von den „Kolonialstädten des Goldes“ kommend, erwartet uns im Hinterland von Minas Gerais ein besonderes Kunsterlebnis. Nach einer zweistündigen Fahrt von Ouro Preto erreichen wir das Bergbaustädtchen Brumadinho, hinter dem sich Inhotim versteckt: ein weltweit einzigartiges Gesamtkunstwerk aus Natur und Kunst. 140 Hektar brasilianischer Dschungel bilden die Kulisse für zeitgenössische Kunst von Weltrang – dennoch ist Inhotim bis heute ein Geheimtipp!



Zwei Jahrzehnte Kunst
Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens 2026 bietet Inhotim einige neue Highlights. Die New York Times setzte Inhotim als einziges brasilianisches Ziel auf ihre Liste der 'Places to Go in 2026'.
Hier führen wir euch zu unseren persönlichen Favoriten.

Optisches Rätsel. In "Tetéia 1C" (2002) wird man durch einen tiefschwarzen Korridor in eine Lichtillusion hineingezogen. Gespannte, goldene Fäden werden zu schwebenden Säulen. Die brasilianische Avantgarde-Pionierin Lygia Pape schuf ihr berühmtestes Spätwerk im Alter von 75 Jahren kurz vor ihrem Tod im Jahr 2004. Für ihr Werk wurde eigens ein maßgeschneiderter Kubus aus rohem Sichtbeton gebaut.

"Beam Drop Inhotim" (2008). In einer spektakulären, 12-stündigen Performance ließ Chris Burden 71 tonnenschwere Stahlträger aus 45 Metern Höhe im freien Fall in eine Betonmasse stürzen, bis das stählerne Chaos aus Zufall und Schwerkraft für immer einfror.

Hotel-Tipp. Während unseres zweitägigen Besuchs in Inhotim fanden wir im Solar Maria Carolina ein kleines, Paradies. Nur eine halbe Stunde vom Kunstpark entfernt, verwöhnt das ländliche Hideaway seine Gäste mit großer Gastfreundschaft.
Die schiere Größe Inhotims ist Teil des Erlebnisses
"Man erkundet Inhotim eher wie einen Nationalpark als ein Museum".
Wir verbringen zwei Tage hier und schaffen es trotzdem nicht, alles zu sehen. Drei Hauptwege schlängeln sich durch den tropischen Wald, vorbei an Seen, Pavillons und monumentalen Installationen – mal geht es zu Fuß, mal mit dem Golfwagen weiter. Das Ganze eingebettet in diesen riesigen botanischen Garten, in dem die Natur oft selbst die Hauptrolle übernimmt. Für manche Besucher wird er zum eigentlichen Höhepunkt und selbst Kunstmuffel lassen sich von diesem Ort begeistern.


Vom Parkplatz aus führt ein eindrucksvoller Palmenweg zum Besucherzentrum. Hier erhält man die Tickets und den unverzichtbaren Parkplan zur Orientierung, auf dem auch die Shuttle-Haltestellen verzeichnet sind. Drei Hauptrouten durchziehen das Gelände: gelb im Zentrum, orange und pink in den höher gelegenen Parkteilen.
Zwischen Palmen und Pavillons – Ikonen der zeitgenössischen Kunst
17 permanente Pavillons und Außenbereiche sind jeweils einem Künstler oder einer Künstlerin gewidmet. Zu den hier versammelten Größen der zeitgenössischen Kunst zählen Yayoi Kusama, Doug Aitken, Hélio Oiticica, Olafur Eliasson, Cildo Meireles, Matthew Barney, Tunga und Adriana Varejão. Hinzu kommen sieben Galerien mit wechselnden Ausstellungen.
Architektur wird Landschaft. Sehr beeindruckt hat uns die neue Monumental-Skulptur „Contraplano“ (2026) von Lais Myrrha, einer gefeierten brasilianischen Künstlerin. Am höchsten Punkt des Parks verwandelt das Kunstwerk Architektur in Landschaft: Seine Form basiert auf einem Gebäude der brasilianischen Architektur-Ikone Oscar Niemeyer und erinnert gleichzeitig an den terrassenartigen, industriellen Tagebau der Region. Ein Ort zum innezuhalten und den Blick auf die Landschaft neu zu sehen.

Zwischen Genie und Obsession. Die Japanerin Yayoi Kusama ist mit über 90 Jahren ein absoluter Superstar der Kunstwelt – und ihre Lebensgeschichte ist ebenso faszinierend wie ihre Kunst. Seit den 1970er Jahren lebt sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio, von wo aus sie täglich in ihrem Atelier arbeitet. Durch die künstlerische Verarbeitung hat Kusama ihren Halluzinationen den Schrecken genommen.


Kusamas Pavillon beherbergt zwei ihrer berühmtesten Installationen, die 2008 und 2009 für die Sammlung erworben wurden:
Im „Infinity Mirror Room“ steht man mitten in einer unendlichen Galaxie. Hunderte LED-Laternen spiegeln sich unendlich, erleuchten und verblassen wieder in absoluter Dunkelheit.
In „I’m Here, but Nothing“ verschlingt ein leuchtendes Meer aus bunten Polka-Dots ein gewöhnliches Wohnzimmer unter Schwarzlicht.

Zauberzylinder der Wahrnehmung. Olafur Eliasson „Viewing Machine“ (2001). Das riesige, schwenkbare Kaleidoskop transformiert die tropische Landschaft in ein faszinierendes Mosaik. Der dänische Künstler ist für seine interaktiven Licht- und Spiegelinstallationen bekannt – weltberühmt ist sein Werk "The Weather Project" in der Londoner Tate Modern, wo er eine künstliche Sonne in die Museumshalle zaubert.

Geologische Klänge aus den Tiefen der Erde. Auf einem Hügel thront der "Sonic Pavilion" von Doug Aitken, umgeben von aufgewühlter Erde. 2009 ließ der US-Künstler hier ein 202 Meter tiefes Bohrloch in die Erde treiben. Hochsensible Geophone nehmen die seismischen Aktivitäten und das dumpfe Grollen aus dem Inneren der Erde auf. Im milchgläsernen Pavillon übersetzen Lautsprecher diese tektonischen Bewegungen in Echtzeit in eine tief vibrierende Klanglandschaft. Das Werk macht den Boden, den die Bergbauregion jahrzehntelang umgegraben hat, akustisch spürbar.


Die Funktion eines Warteraums. In Dominique Gonzalez-Foersters „Desert Park“ (2010) werden gestrandete Bushaltestellen zu einem zeitlosen Warteraum. Es handelt sich um Nachbauten urbaner Beton-Bushaltestellen aus den 1940er- bis 1960er-Jahren des modernistischen Brasília.

Schönheit und Schmerz. Die Galeria Adriana Varejão (2008) zählt zu den architektonischen Highlights des Parks. Kacheln sind für die renommierte brasilianische Künstlerin ein magisches Werkzeug. Mal nutzt sie diese, um die schmerzhaften Wunden der Kolonialzeit offenzulegen, mal kreiert sie sterile, mal geheimnisvolle Fliesenwelten, die die Sinne des Betrachters verwirren.


Die fünf botanischen Routen
Wer den Pfaden folgt, erlebt extreme Kontraste, von schwebenden Orchideen: bis zum Wüstengarten Jardim Desértico mit seinen bizarren Kakteen ist ein Muss und geht direkt in den dschungelartigen Jardim Veredas mit seinen monumentalen Palmen über. Besondere Blickfänger sind die fächerartigen blauen Bismarckpalmen, botanische Ikonen des Parks, die neben dem bunten "Magic Square" aufragen.
Inhotim ist auch botanisch ein Superlativ: Neben knapp 5.000 Pflanzenarten und fast 28 Prozent aller weltweit bekannten Pflanzenfamilien beherbergt der Park die größte Palmensammlung der Erde. Zudem betreibt Inhotim ein modernes Artenschutz-Labor, in dem seltene Pflanzenarten gezüchtet und gerettet werden.

Unter der sphärischen Kuppel.
Tief im Regenwald von Inhotim verbirgt sich Matthew Barneys spektakulär-verstörendes Werk "De Lama Lâmina" (2004–2009). In einer riesigen geodätischen Glaskuppel herrscht eine feuchtkalte, apokalyptische Atmosphäre. Im Zentrum greift die Kralle einer monströsen Forstmaschine einen entwurzelten Tropenbaum – ein Sinnbild für die Verletzlichkeit der Natur und den globalen Raubbau.
Pack die Badehose ein! "Piscina" (2009): Der Pool des Argentiniers Jorge Macchi ist ein interaktives Werk, das man auch benutzen darf, beispielsweise von A bis Z die Treppen ins Becken hinabsteigen.
Augentäuschung: „Elevazione”, Giuseppe Penone (2000–2001). Die aufgehängte Skulptur des italienischen Arte-Povera-Künstlers ist eine mehrere Tonnen schwere Bronze-Replik eines Guaritá-Baumstammes, umpflanzt mit echten Guaivira-Bäumen.
Der erste Pavillon im Park wurde 2002 eigens für das Werk "True Rouge" des visionären brasilianischen Künstlers Tunga (1952–2016) errichtet, der zu den einflussreichsten seines Landes zählt. 2012 folgte ein gigantischer zweiter Pavillon für die monumentalen Installationen Tungas, eine gläserne Architektur auf verschiedenen Ebenen mitten im Wald.




Indigene und afro-brasilianische Kunst im Fokus
Die neuen Galerien widmen sich vor allem der indigenen und afro-brasilianischen Kunst. Im Maxita Yano (indigen für „Haus der Erde“) zeigt die schweizerisch-brasilianische Fotografin und Aktivistin Claudia Andujar ihre international gefeierten Schwarz-Weiß-Fotografien, die das Leben der Yanomami dokumentieren.
Farbexplosive indigene Fotoperformance: Die non-binäre Kunstfigur Uýra Sodoma verschmilzt in den Bildern von Paulo Desana mit dem Urwald. Auf der Haut fluoreszierende Pigmente leuchten unter UV-Licht magisch.
Die Galeria Praça widmet dem Brasilianer Dalton Paula eine Panoramaschau mit über 100 Werken. Der Gewinner des CHANEL Next Prize porträtiert in eindringlichen Bildern seine afro-brasilianischen Vorfahren.




Immer wieder laden im Park monumentale Baumstämme und Wurzeln des Künstlers Hugo França als Sitzbänke zur Pause ein – sie sind selbst Kunstwerke, gefertigt aus abgestorbenem Holz des Atlantischen Regenwalds.
Inhotim – Eine filmreife Geschichte
Der Kunstpark entstand ursprünglich als Privatsammlung und blickt auf eine nahezu filmreife Geschichte zurück. Der Name Inhotim geht dabei auf den früher hier lebenden „Senhor Tim“ zurück, den die Einheimischen kurz „Nhô Tim“ aussprachen. Heute ist Inhotim eine Stiftung.
Inhotim ist das Lebenswerk des schillernden Bergbau-Tycoons Bernardo Paz, der in den 1970er- und 1980er-Jahren im rohstoffreichen Bundesstaat Minas Gerais zum Milliardär wurde. Ein schwerer Schlaganfall verwandelte den Lebemann Paz in einen exzentrischen Kultur-Messias. Um die Natur vor der Zerstörung durch Minen zu schützen, begann er, Landflächen rund um seine Farm Inhotim aufzukaufen und in einen botanischen Garten der Superlative zu transformieren.
In den 1990er-Jahren tauchte er wie ein Geist auf dem internationalen Kunstmarkt auf und kaufte mit scheinbar unbegrenzten Mitteln millionenschwere Werke, fast wie im Rausch. Die Kunst sollte so groß sein, dass sie in kein gewöhnliches Museum der Welt passte. Er lud Weltstars wie Yayoi Kusama und Olafur Eliasson ein, monumentale Werke inmitten der brasilianischen Tropen zu realisieren. 2006 öffnete der Kunstpark seine Tore für das Publikum.
Wegen Geldwäschevorwürfen wurde Paz zu neun Jahren Gefängnis verurteilt und – wie in Brasilien nicht unüblich – zwei Jahre später vollständig freigesprochen, woraufhin er 2020 das Gesamtwerk an das gemeinnützige Instituto Inhotim übertrug. Die aufwendige Finanzierung und Pflege werden heute vor allem durch Großsponsoren und Spenden gesichert.
In Inhotim liegen Schönheit und Zerstörung dicht beieinander: Der paradiesische Park liegt in Brumadinho, wo 2019 beim verheerenden Dammbruch einer Eisenerzmine über 270 Menschen unter einer Schlammlawine starben. Während der Kunstpark unversehrt blieb, zog die Katastrophe für die Menschen in der Region verheerende Folgen nach sich, für die Vale inzwischen Entschädigungen in Milliardenhöhe leisten musste.
Die Bewohner von Brumadinho können ihren Kunstpark Inhotim jederzeit frei besuchen.
Der Geist von Burle Marx. In seiner frühen Planungsphase wurde Paz eng von dem berühmten Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx inspiriert, der ihn bis zu seinem Tod im Jahr 1994 mit visionären Ideen zur Gestaltung unterstützte. Gemeinsam mit Oscar Niemeyer erschuf Marx als „Meister der Gärten hinter den Betonbauten“ weltbekannte Ikonen der Moderne. Sein eigenes Landgut, das Sitio Roberto Burle Marx rund eine Stunde außerhalb von Rio de Janeiro, ist heute UNESCO-Welterbe und einen Besuch wert.
Inhotim kompakt: Wichtige Infos für den Besuch
- Offizielle Besucher-Webseite Inhotim.
- Genug Zeit einplanen: Ein voller Tag ist das Minimum, zwei Tage sind ideal. So bleibt genug Zeit, zwischen den Pavillons zu flanieren, die entlegenen Bereiche mit dem Golfwagen zu erkunden und auch den botanischen Garten zu genießen.
- Ticketkauf: Tickets und Transport sollten vorab online erworben werden, vor allem an Wochenenden, Feiertagen und den kostenlosen Tagen. (Ticket-Anbieter: Sympla über Inhotim). Dezember bis Februar ist die Hauptreisezeit der Brasilianer!
- Einzelticket (2026) ohne Park-Transport R$ 65. Halber Preis für Studenten, 60+ Personen, Jugendliche von 6-18 Jahren. Golfcart-Park-Shuttle: R$ 45 pro Person (ab 6 Jahren) und Tag.
- Mehrtagespässe werden für 2 oder 3 aufeinanderfolgende Tage im Preis günstiger.
- Private Führungen werden angeboten.
- Inhotim Gratis: Der Eintritt ist jeden Mittwoch sowie am letzten Sonntag jedes Monats frei. Die Freikarten sind kontingentiert – an diesen Tagen ist mit mehr Besuchern zu rechnen.
- Fortbewegung im Park: Auf jeden Fall den Hop-off-Hop-on Park-Shuttle per Golfwagen mitbuchen, der viel Zeit spart, denn die Distanzen, etwa zu Doug Aitkens Sonic Pavilion, sind lang.
- Verpflegung: Über das Gelände verteilt befinden sich mehrere Restaurants, Cafés, Snackbars und Wasserspender.
- Unterkünfte in Brumadinho sind auf Booking.com* zu finden.
- Anreise: Inhotim liegt beim Brumadinho, rund 60 Kilometer südwestlich der Millionenstadt Belo Horizonte, mit dem nächsten Flughafen. (Anfahrt vom internantionalen Flughafen Belo Horizonte/ Confins (CNF) etwa 2 Stunden, rund 90 Kilometer).
- Gute Reisezeit: Ohne Ferien und angenehm sind die trockeneren Monate von Mai bis September.


Bevor der Heimweg ansteht, lockt der Design-Shop mit originellen und stylischen Souvenirs: exklusiven Stücken brasilianischer Künstler, inspiriert von den verschiedenen Bereichen des Parks. Ein besonderes Highlight ist die „Osklen + Inhotim“-Kollektion – eine Kooperation mit Brasiliens Pionier-Marke für edlen Eco-Minimalismus.
Übernachten bei Inhotim: Hideaway "Solar Maria Carolina"
Maria aus Minas Gerais lernte während ihres Studiums in London ihren Willem aus den Niederlanden kennen. Er folgte ihr nach Brasilien, um gemeinsam ihren großen Traum zu verwirklichen: die elterliche Fazenda in ein Gästehaus umzuwandeln. Seit 2016 führen sie das „Solar Maria Carolina” mit viel Hingabe, Nachhaltigkeit und Sinn für Gastfreundschaft. Es bietet authentisches Landleben inmitten eines tropischen Gartens in stilvollen Chalets.


Nach einem langen Tag in Inhotim ist das „Solar Maria Carolina” wie ein Nachhausekommen, wo Kaffee und Kuchen, selbstgebackenes Brot und handgemachter Käse bereitstehen. Ein beliebter Treffpunkt ist die große Terrasse mit Pool und offener Küche, wo wir ein tolles Frühstück, den abendlichen Caipirinha und das Abendessen unter freiem Himmel genießen – hier hätten wir gerne mehr Zeit verbracht.

Die Chalets sind mit viel Gespür für Stil, Design und Liebe zum Detail eingerichtet – ausgestattet mit Kingsize-Betten, feiner Bettwäsche und Badewanne. Unsere Terrasse öffnet sich direkt zum Wald. Sehr behaglich sind auch die Chalets, die nach den Großmüttern der Familie benannt sind. Die Naturpflegeprodukte – von Shampoo und Seife bis hin zum Badesalz – sind übrigens selbst hergestellt!
Auch in der Küche wird diese Philosophie gelebt: Auf den Tisch kommen frisch zubereitete, schmackhafte Familienrezepte. Das meiste dafür stammt aus dem eigenen Garten und vom Hof. Ziegen und Kühe liefern die Milch für Butter, Käse und Joghurt, während die Hühner täglich frische Eier beisteuern. Die beiden stattlichen Schweine sind längst Teil der Familie geworden und haben nichts zu befürchten. Kinder lieben besonders die kleinen Zicklein und finden hier eine Menge zu entdecken.

Text: Edel Seebauer | Fotograf: Jürgen Mahler
Wenn der Bericht gefallen hat, freue ich mich über einen Eintrag im Gästebuch.
PARATY, die romantischste Kolonialstadt Brasiliens, liegt zwischen Regenwald und Meer und ist nur vier Stunden von Rio de Janeiro entfernt.



























