Großer Aufschwung in Andermatt – Zum Wintersport ins 'heitre Tal der Freude'

Eingesäumt vom weiten, sonnigen Urserntal liegt Andermatt im Schweizer Urkanton Uri. Aus dem früheren Militärdorf und Geheimtipp unter Freeridern ist ein innovatives Wintersportresort entstanden. Trotz der Milliardeninvestitionen hat sich das Bergdorf am Gotthard seinen Schweizer Alpen-Charme und seine Bodenständigkeit erhalten.

 

Wintersportort Andermatt Schweiz
Andermatt liegt auf schneesicheren 1.447m
Bergstation am Gemsstock Andermatt
Die Startrampe am Gemsstock ist nichts für schwache Skigemüter

Das Skigebiet Andermatt wurde modernisiert und erweitert. Das Großprojekt unfasst zehn neue Anlagen, 180 Pistenkilometer und 33 Skilifte. Jetzt besteht Pistenanschluss zur Surselva im Nachbarkanton Graubünden mit zahlreichen Sonnenhängen. Und der Gemsstock ist und bleibt ein Freeride-Berg der Extraklasse und ist prädestiniert für Pulverschneeabfahrten.

Ski Arena Andermatt Skigebiet Nätschen-Gütsch
Skifahren an der Sonnenterrasse – Bergstation Gütsch (Andermatt–Nätschen)
Winterwanderweg Schneeschuhen Urserntal Andermatt
Auf Winterwanderwegen oder mit den Schneeschuhen durchs urige, verschneite Urserntal
Winterlandschaft Tal Andermatt
Schöner kann ein Winter nicht sein im Tal von Andermatt

Nicht durch, sondern auf den Gotthard!

"So reißt ein schwarzes Felsentor sich auf, kein Tag hat's noch erhellt – da geht Ihr durch,
 es führt Euch in ein heitres Tal der Freude" dichtet Friedrich Schiller in seinem Drama 'Wilhelm Tell'. Gerade noch hatten wir in Altdorf, Ort des Apfelschusses, das Denkmal des Schweizer Volkshelden fotografiert, schon beschreibt Schiller für uns die Reise durch die Serpentinen der Schöllenenschlucht empor ins Urserntal nach Andermatt. Schiller war nie hier, die Anregungen für den 'Tell' bekam er von seinem Freund, dem reiselustigen Johann Wolfgang von Goethe.

 

Die Schöllenen war im Mittelalter die neuralgische Stelle des Saumwegs über den Gotthard, ein steil aufragendes Felsentor, durch das die Reuss wild ins Tal donnert. Heute ist für Gütertransport und Fernreisende der Weg über den Gotthardpass freilich nicht mehr relevant. Seit 1882 rollte die Gotthardbahn durch den 15km langen Eisenbahntunnel, 1980 folgte der Straßentunnel und schließlich 2016 der Gotthard-Basistunnel, eine 57km lange Direttissima durch die Schweizer Alpen.

 

Wir wollen aber nicht durch den Gotthard, sondern auf den Gotthard, fahren also spätestens in Göschenen von der A2 ab und kurven durch die noch heute beeindruckende Schöllenenschlucht die Serpentinen hinauf nach Andermatt. 

Schöllenschlucht Teufelsbrücke bei Andermatt
Die sagenumwobene Teufelsbrücke bei Andermatt

 

Kurz nach der Teufelsbrücke, die der Sage nach der Teufel höchstselbst gebaut haben soll, lohnt ein Stopp, nicht nur wegen des roten Teufelsabbildes an der Felswand und der früheren Brückenkonstruktionen, sondern auch um ein 563qm kleines Stück russischen Territoriums mitten im Herzen der Schweiz zu besuchen. Das Suworow-Denkmal ist dem gleichnamigen russischen General und seinen gefallenen Soldaten gewidmet, die hier in der Schöllenen 1799, von Italien den Gotthardpass überquerend, auf die Truppen Napoleons trafen.

Im Ort sollten wir in der Dorfmetzgerei Muheim (welch’ passender Name!) wieder an die besonderen Beziehungen Andermatts zu Russland erinnert werden. Dort hängt hinter der Fleischtheke ein Foto des russischen Premierministers Medwedew mit Ferdi Muheim. Der Metzgermeister und ehemalige Gemeindepräsident von Andermatt bemüht sich schon lange um die freundschaftlichen Beziehungen zu Russland. Natürlich gab es um das Suworow-Denkmal heftige Diskussionen in der Schweiz. Um eine gewisse Balance wiederherzustellen, hat man den Kiosk bei der Teufelsbrücke zum Franzosen-Platz gemacht und eine Gedenktafel nebst Schlachtgemälde angebracht. Es lebe die Schweizer Neutralität!

Sobald man das dunkle Urnerloch verlassen hat, tritt man in das freundliche, fast ebene Urserntal mit der sanft dahinfließenden Reuss.

Urserntal Andermatt Winter Fluss Reuss
Andermatts Winterlandschaft an der Reuss
Winterliche Tal von Andermatt Schweiz
Eisblumen statt Golfbälle – wandern über den Golfplatz am Dorf Andermatt

Andermatt: Vom Militär– zum noblen Feriendorf

Fast eine Milliarde Schweizer Franken hat Sami Sawiris mit Co-Investoren bisher in das Projekt Andermatt Swiss Alps gesteckt. Der Investor aus Ägypten will am Ende rund 1,8 Milliarden Franken in das wohl größte touristische Infrastrukturprojekt investieren, das der Alpenraum je gesehen hat. Sawiris spricht perfekt Deutsch, gibt sich jovial, nimmt die Lokalbevölkerung mit. Nicht zuletzt aufgrund dieser Qualitäten, hat er 2007 das Placet vom Kanton Uri und der Talschaft Urserntal für sein Großprojekt bekommen. Bis zum Projektende soll das 'Feriendorf' Andermatt Reuss' sechs Hotels im 4 und 5-Sterne-Bereich, rund 500 Apartments in 42 Gebäuden, 28 Chalets, Kongresseinrichtungen, Konzertsaal sowie ein Hallenbad und ein Golfplatz umfassen.

Andermatt Dorf Winter Chedi Hotel
Winterliches Andermatt mit dem 'Chedi Andermatt' in der Bildmitte

Die Andermatter sahen sich im Zugzwang. Jahrzehntelang hatte man vom Militär recht gut gelebt. Der Gotthard war zentraler Pfeiler der Schweizer Reduit Strategie, ein System von militärischen Verteidigungsanlagen in den Schweizer Alpen, das insbesondere im Zweiten Weltkrieg als Abschreckung und Symbol Schweizer Wehrhaftigkeit gegen das Dritte Reich diente. Ab den 90er Jahren aber zog sich das Militär aus dem Urserntal immer mehr zurück, der Waffenplatz lag brach.

 

Vor den Weltkriegen war Andermatt schon einmal eine luxuriöse Destination, ein Luft-, Milch- und Molkenkurort. Das Transportgeschäft über den Gotthardpass und damit der Verkehr durch Andermatt wurde mit der Eröffnung des Gotthard Eisenbahntunnels 1872 abgewürgt. Die Luft war rein und die Zeit reif für einen Kurort. Im gleichen Jahr entstand das damals erste Haus am Platz, das Hotel Bellevue, an dessen Stelle heute das neue 5-Sterne Haus 'The Chedi Andermatt' steht. Während sich in den 1920/30er Krisenjahren berühmte Schweizer Skiorte wie St. Moritz und Zermatt etablieren konnten, waren die hoch verschuldeten Hoteleigentümer in Andermatt ruiniert. Rund 100 Jahre später befindet sich Andermatt wieder auf dem Weg in die Spitzenklasse der Schweizer Alpin-Destinationen.

Steinmann Skulptur von Ugo Rondinone in Andermatt
Sieben Meter hohes 'Strichmännchen' von Ugo Rondinone am Ortseingang von Andermatt

 

Am Ortseingangskreisel von Andermatt grüßt mächtig die sieben Meter hohe Steinfigur des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone. Gleich dahinter ist das im Dezember 2018 eröffnete Radisson Blu nicht zu übersehen, die Architektur erinnert an einen überdimensionierten Heustadel. Mit dem 4-Sterne-Hotel und den bereits im modern interpretierten Alpenstil erbauten Apartmenthäusern ist im Feriendorf Andermatt Reuss die Piazza Gottardo entstanden. Da wo früher der Waffenplatz lag, die Schweizer Armee den Ernstfall übte gibt es jetzt einen 'neuen Dorfplatz'.

Von dort befinden sich zehn Gehminuten entfernt Bahnhof und die Gondel ins Skigebiet Nätschen, dahinter liegt gleich das Luxushotel Chedi im Ortskern von Andermatt. Skibusse fahren, allerdings noch in zu geringer Frequenz, so geht man zur Gemsstock-Seilbahn gut 20 Minuten von der Piazza Gottardo.

 

neues Feriendorf Andermatt Reuss
Das neue Feriendorf Andermatt Reuss
Piazza Gottardo von Andermatt Reuss
Piazza Gottardo von Andermatt Reuss
Wellness Schwimmbad Radisson Blu Andermatt
Sportliche Bahnen schwimmen im Radisson Blu
Radisson Blu Andermatt Piazza Gottardo
Radisson Blu Andermatt an der Piazza Gottardo
Radisson Blu Hotel Andermatt Cafe-Bar
Radisson Blu Lounge mit Kamin und Cafe-Bar

 

 "Guete Abig mitanand". Man grüßt sich auf Andermatts Dorfstraßen. Die Einheimischen fremdeln aber noch ein wenig mit den Gutbetuchten, die im Chedi logieren. Das ist wenig überraschend, schließlich hatte man vorher gastronomisch anspruchslose Rekruten zu Gast im Dorf.

 

In architektonischer Hinsicht fügen sich die Gebäude des im modernen Chalet-Stil erbauten 5-Sterne-Hauses trotz seiner mächtigen 30m Giebelwände harmonisch ins Ortsbild von Andermatt ein. Das Luxushotel schottet sich nach außen nicht ab, vom Bahnhof über die Straße führt ein Seiteneingang direkt in die Hotelbar und den 'Living Room', wo sich die Hotelgäste von Skibutlern die Skiausrüstung reichen lassen. An den Wänden sind Abfahrtslatten von Weltcup-Größen wie Aksel Lund Svindal, Bode Miller oder Lindsey Vonn zu bestaunen. Dem berühmtesten Sohn des Dorfes, Bernhard Russi, dominierender Skiabfahrer der siebziger Jahre, Weltmeister, Olympiasieger, wird hier ebenfalls gehuldigt. Der sympathische Andermatter war nach seiner aktiven Karriere lange Co-Kommentator im Schweizer Fernsehen und machte sich als technischer Planer von Abfahrtspisten einen Namen. Er sitzt im Verwaltungsrat von Sawiris Schweizer Holding und sorgt für einen vernünftigen, naturverträglichen Ausbau des Andermatter Skigebiets.

 

In der Hotelbar geht's trotz der lichten Raumhöhe von rund 5 Meter sehr gemütlich zu. Für Urlauber, die sich die CHF1.000 aufwärts Zimmerpreise nicht leisten können, eine schöne Gelegenheit bei einem Cocktail 'alpin-asiatische' 5-Sterne-Atmosphäre zu schnuppern. Frei nach seinem Werbeslogan 'The Priviledge of Ease' versucht sich das Chedi bei allem Luxus volksnah zu geben.  

Winterdorf Andermatt Chalet-Häuser
Moderner Chalet-Stil fügt sich ins Dorfbild
 5-Sternehotel The Chedi Andermatt
Das 5-Sternehaus The Chedi zeigt sich modern und traditionell, gebaut mit Materialien aus der Region

Skilaufen von Uri bis Graubünden und zurück!

"Andermatt, 120km Pisten, größtes Skigebiet der Zentralschweiz!" jubeln die Medien in 2018. "Was, größer als Hoch-Ybrig, Stoos oder Mythen?" fragt überlegen schmunzelnd der Arlberger Marketingmensch mit seinen 300 Pistenkilometern. Als ob es darauf ankäme, wo das Gros der Skifahrer nach drei Abfahrten den Einkehrschwung einlegt und sich einem Käsefondue hingibt. Für wahre Ski-Enthusiasten hält Andermatt alles Wünschenswerte bereit: Ausreichend Höhenlage und damit Schneesicherheit, Liftanlagen, die permanent modernisiert und möglichst umweltschonend ausgebaut werden, dazu abwechslungsreiche On- und Off-Piste Skihänge für jeden Geschmack und ja, einen authentischen Skiort.

Andermatt Skigebiet Gondelbahn Gütsch-Express
Mit dem Gütsch-Express geht's direkt vom Bahnhof ins Skigebiet Nätschen-Gütsch-Schneehüenerstock
Hochgeschwindigkeits-Sesselbahn Ski Arena Andermatt-Sedrun
Die Hochgeschwindigkeits-Sesselbahn befördert 2400 Skifahrer/h
Seilbahn Gemsstock, Andermatt
Gondeltreffen am Gemsstock

 

Der Zusammenschluss der Skigebiete von Andermatt und Sedrun ist mit der Sessel- und Gondelbahn am Schneehüenerstock in der Wintersaison 2018/19 vollbracht. Damit bieten die nach Süden ausgerichteten Hänge ungehindertes Skivergnügen von Andermatt bis ins bündnerische Sedrun, ohne für die Rückfahrt auf den Zug der Matterhorn-Gotthard-Bahn angewiesen zu sein. Ab 2019/20 soll noch der Anschluss ans Skigebiet Disentis kommen. Dann soll’s aber auch reichen! Denn jetzt schon bietet das Skigebiet am Oberalppass sowohl für Normalverbraucher auf überwiegend roten Pisten, wie auch für Freerider jede Menge Auslauf auf ausladenden Hängen. Und wenn die abgefahren sind, wäre da ja noch auf der anderen Seite von Andermatt der Gemsstock mit seinen nordseitigen schwarzen Pisten und den unzähligen Freeride-Routen.

 

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Für Langläufer und Winterwanderer ist auch gesorgt. Der 18-Loch Golfplatz hält im Winter eine Loipe bereit. Richtung Hospental und Realp führen längere Langlaufstrecken durch das herrliche, unberührte Urserntal. Winterwanderern sei der Weg entlang der Reuss sowie die Gondelfahrt auf die Gütsch und dort der Winterwanderweg auf einer aussichtsreichen Terrasse empfohlen. Wo früher das höchstgelegene Artilleriewerk der Schweizer Armee lag, stehen heute vier Windräder, die dort oben Nützliches tun und dabei durchaus gut in die Landschaft passen.

Winterwandern und Langlauf im Urserntal Andermatt
Winterwandern und Langlauf im weiten Urserntal
Langlaufloipe Richtung Hospental Andermatt
Langlaufloipe Richtung Hospental
Winterbiken von Andermatt Richtung Hospental
Mit den Fatbikes unterwegs von Andermatt Richtung Hospental

Ticket to Freeride am Gemsstock

Der Gemsstock in Andermatt ist ein unter Freeridern legendärer Berg. Um halb neun bin ich mit Bergführer Dan Loutrel von Andermatt-Guides an der Talstation der Gemsstockbahn verabredet. Die Wolken hängen tief, Ende Dezember ist es auf knapp 1.500 Meter ungewöhnlich warm, nicht gerade ein idealer Tag für ein Abenteuer in einem der besten Freeride-Skigebiete der Alpen.

Schweiz Andermatt Tiefschneeskifahren
Powdern am Gemsstock

Ortsauswärts, kurz vor der Gemsstock-Seilbahn, komme ich an jener Tankstelle vorbei, an der Sean Connery, alias James Bond, in 'Goldfinger' mit seinem Aston Martin einen Halt einlegte, um sein widerspenstiges Bond-Girl abzusetzen. Außer dem Dach ist von der Aurora-Tankstelle nicht mehr viel übriggeblieben, die Zapfsäulen sind abgebaut, aber der freie Blick hinaus in Richtung Furkapass, wo sich Bond eines seiner waghalsigen Autorennen lieferte, ist noch der gleiche.

Von der cineastischen Reminiszenz gerührt, aber nicht geschüttelt, schwebe ich mit Dan und Karin hinauf auf fast 3.000 Meter zum Gemsstock-Gipfel. Die Gondelbahn steht hier seit 1963 und wurde 1990 erneuert. Es lohnt sich, die Treppen in der Bergstation zur Dachterrasse hinaufzusteigen, denn von dort hat man bei sonnigem Wetter einen atemberaubenden Rundblick auf das Gotthardmassiv und die weitere Bergwelt der Zentralschweizer Alpen. Hier entspringen Rhein und Rhone, sind die Quellen von Ticino, der in den Po fließt und der Reuss, die ihr Wasser über die Aare wiederum in den Rhein leitet. Fast zwei Kilometer tief unter uns im Berginneren durchquert der Mensch im Auto oder der Eisenbahn das Gebirge durch die Gotthardtunnel.

 

An der Bergstation Gemsstock, Andermatt
'Selfi-Men' an der Bergstation Gemsstock
Andermatt, Gemsstock Bergstation
Gemsstock Bergstation, nach links zu den Pisten, nach rechts nur mit Lawinenausrüstung

Die Sonne dringt sporadisch durch, gerade genug, um den steilen Südhang hinabzuschauen, den man mit dem Herz in der Hand nehmen muss, um kurz darauf wieder 100 Höhenmeter aufzusteigen zum Ausgangspunkt der weitschweifenden ‚Guspis‘ Variantenabfahrt, hinunter zur geschlossenen Gotthard-Passtrasse und weiter nach Hospental.

„Lohnt sich hüt leider nüt, d’Sicht und d’Schnie z‘schlächt“ erklärt mir Dan in breitem Schwyzerdütsch. Ich traue meinen Ohren nicht, als er mir erzählt, er sei aus Boston und mit 25 Jahren in Andermatt hängen geblieben, der Liebe wegen, auch zu den Bergen. Dan hat sein Urnerdeutsch derart perfektioniert, dass selbst sein Englisch einen leichten alemannischen Akzent abbekommen hat. Er ist jetzt Ende Dreißig, Vater von drei Kindern, ausgebildeter IVBV-Bergführer, hat die Andermatt-Guides gegründet und baut nebenbei Freeride-Ski unter der Marke Birdos. Ein sympathischer Kerl, bei James Bond würde er stets auf Seiten der 'Guten' spielen.

Dan Loutrel, Bergführer Andermatt
In besten Händen - Dan Loutrel und Karin freuen sich der Dinge
Freerider am Gemsstock in Andermatt
Freerider vor imposantem Panorama auf einem Vorgipfel des Gemsstock
Obergeißberg, Gemsstock in Andermatt
Einsamer Snowboarder am Obergeißberg, Gemsstock

"Durch dieses hohle Couloir muss er kommen!"

"Let’s do High Goat", schlägt Dan vor, soll heißen wir fahren eine der Obergeißberg Varianten. Wir queren einen Hang, ich sehe nichts außer Dans roter Jacke, versuche an ihm dranzubleiben. Karin, die in Stockholm lebende Urnerin, gibt mir Rückendeckung. Der Schnee hat seine Lockerheit längst verloren, stattdessen hat er einen Deckel, die Abfahrtsschwünge fallen wenig elegant aus.

Erst zwei Tage später werde ich bei Sonnenschein erkennen, wie steil am Berg wir im Nebel traversiert sind und die unzähligen Möglichkeiten sehen, die der Gemsstock abseits der Pisten den Variantenfahrern bietet. Nach Neuschneefällen ist das Felsentäli erste Wahl. Dann bietet das westlich der Seilbahn befindliche weite Tal ohne mühsame Aufstiege auf 6km und 1500 Tiefenmeter optimales Terrain für lange Powder-Abfahrten bis nach Andermatt. 

Gemsstock Andermatt Einfahrt Giraffe
Bergführer Dan Loutrel auf seinen 'Funky Monkey' an der Einfahrt zur 'Giraffe'
Blick vom Gemsstock-Gipfel nach Südwest
Blick vom Gemsstock-Gipfel, nach rechts geht's auf den Sattel zur 'Guspis'-Abfahrt

Dan zeigt mir den steilen, engen Einstieg einer weiteren Berühmtheit, der 'Giraffe'. Das ewig lange, gebogene Couloir lässt keine Fluchtmöglichkeiten zu und führt auf der Ostseite des Gemsstock ins Unteralptal hinunter, von wo es einige Stockschübe braucht, um nach Andermatt zurück zu gelangen. Ist man mit Steigbindungen und Fellen unterwegs, sind die Möglichkeiten vom Gemsstockgipfel aus schier unendlich. Wie wär’s zum Beispiel mit einer Skitour auf den Pizzo Centrale, mit 2.999m der höchste Berg des Gotthardmassivs? Auf seinem Gipfel steht man genau auf der Linie des Alpenhauptkammes, nirgendwo sonst berühren sich Alpensüd- und Alpennordseite so unmittelbar. Oder darf’s vielleicht eines der fünf Couloirs des Blaubergs sein?

Nicht bei diesem Wetter heute, wir machen den Einkehrschwung in die gemütliche Gadä-Bar und schauen uns all die schönen Varianten auf der Landkarte an.

Andermatt Imholz Sport Gemsstockbahn
Die Jungs von Imholz Sport an der Talstation Gemsstockbahn sind lässig drauf
Andermatt Reussen - Blick vom Gemsstock
Blick vom Gemsstock auf Andermatt-Reuss

 

Es kann sich sehen lassen, was im Skiort Andermatt bisher entstanden ist. Manch ein Alteingesessener mag die Sichtachse am Taleingang Richtung Hospental vermissen, die durch die Gebäude an der Piazza Gottardo verbaut wurde, für den Neuankömmling bietet die Architektur aber ein durchaus stimmiges Bild.

 

Vom Geheimtipp unter Freeridern zum Treffpunkt der Schönen und Reichen? Nein, eine 'Sanktmoritzierung' ist noch nicht zu spüren im Urserntal, der sportliche Alpintourismus steht klar im Vordergrund. Am Knotenpunkt von Furka-, Gotthard und Oberalppass ist man seit alters her offen gegenüber Fremden und weiß mit ihnen umzugehen.

 

Andermatt Gotthardstraße
Alpencharme in der Gotthardstraße von Andermatt
Urserntal Wappentier Bär
Der Bär, Wappentier der Talschaft Ursern

 

Andermatt Infos und Links

  • Andermatt-guides.ch ist die Adresse in Andermatt für geführte Freeride-/Skitouren. Sonntags z.B. kann man sich einer offenen Freeride-Gruppe anschließen. Im Angebot ist auch der Klassiker 'Urner Haute Route', eine mehrtägige Skitour von Andermatt nach Engelberg. Im März findet während der Freeride Days ein Programm statt. 
  • Für Skikurse auf der Piste ist die Schneesportschule Andermatt zuständig. Dem Co-Leiter Fränggi Gehrig sollte man nicht nur beim Skikurs genau zuhören. Im Zweitberuf ist er Musiker und Komponist, sein experimentelles Spiel auf dem Akkordeon gibt er schon auch mal im Chedi Andermatt zum Besten.  
  • Die Gastronomie in Andermatt ist vielfältig, urtümlich bis pulsierend modern. So kann man sich im 'urchigen' Dorfrestaurant wie der "Sonne" ein richtiges Schweizer Käsefondue genehmigen, aber auch hohe japanische Kochkunst im Chedi-Restaurant erfahren mit einer Sake-Auswahl über mehrere Seiten. Der Freeride-Treff Spycher ist auch bei Einheimischen beliebt und soll die beste Pizza im Dorf haben. Die besten Restaurant-Bewertungen auf Tripadvisor
  • Talmuseum Ursern. Wer sich für die Geschichte des Urserntals, die alten Bräuche und Wohnkultur interessiert, sollte das Andermatter Talmuseum besuchen. Das außergewöhnlich schöne Wohnhaus von 1786 zählt zu den schönsten Patrizierhäusern des Urserntales und diente 1799 auch als Hauptquartier für den russischen General Suworow.
  • Bei der Dorf Tour Andermatt führen Einheimische durch das verschneite Andermatt und erzählen von der geschichtsträchtigen Vergangenheit des Dorfes. 

  • Wohnen im neuen Dorf Andermatt Reuss. An der Piazza Gottardo bilden die Apartmenthäuser von Andermatt Swiss Alps mit dem Radisson Blu Hotel das neue Dorf 'Andermatt Reuss' mit Restaurants, Cafe und Bäckerei. Eine große Tiefgarage befindet sich direkt unter der Piazza und zum Wellness-Bereich des Radisson Blu haben auch Gäste von außerhalb Zugang. Die modernen, voll ausgestatteten Ferienwohnungen zwischen 30-230qm können über Andermatt Swiss Alps gemietet werden und stehen auch zum Verkauf in dem Portfolio aus Hotels (The Chedi, Radisson Blu), Apartments und Chalets.

 

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Wer die Tourenski in Andermatt dabei hat, sollte auch den Rother Skitourenführer Zentralschweiz mit im Gepäck haben.

Er beschreibt nicht nur 9 Tagestouren in der Umgebung von Andermatt, sondern insgesamt 53 schneesichere Skitouren in den Zentralschweizer Alpen, eine der Top-Skitourenregionen der Alpen. Auch die Urner Haute Route von Andermatt nach Engelberg wird beschrieben; weniger bekannt als die Haute Route von Chamonix nach Zermatt, dafür nicht so überlaufen.


Text und Fotos von Jürgen Mahler