Das andere Piemont – Wandern in den Cottischen Alpen

Stille Bergwanderungen im Valle Maira und Valle Varaita

Monviso, Cottische Alpen
Auf dem Marmora Höhenweg hat man stets den König aus Stein, den 3.841m hohen Monviso, im Visier

 

Piemont, das verbinden die meisten Reisenden mit kulinarischen Genüssen: Barolo, Trüffel, Asti Spumante oder Risotto-Reis. Ähnlich aber wie in Südtirol lassen sich hier Gaumenfreuden und Bergwelten wunderbar kombinieren. In nur einer Autostunde gelangt man von der berühmten Weinregion Barolo ins Maira-Tal. Anders als in den umschwärmten Südtiroler Dolomiten, wo fast das ganze Jahr über Hochbetrieb herrscht, kann der Bergwanderer im Valle Maira und seinen Nachbartälern nach dem italienischen Ferienmonat August die Stille der Hochgebirgswelt genießen.

 

(Zum Bericht > Piemont Weingebiet)

Gardetta Hochebene mit alter Militätstraße und Rifugio Gardetta
Ausserirdisch schön: Die Gardetta Hochebene bewacht von der "Nase" des Rocca la Meja

Die beiden Täler in den Westalpen sind ein wahres Paradies für Wanderer. Zwischen dem Valle Maira und dem Valle Varaita verbindet eine kurvenreiche Passstraße die beiden Hochtäler – ein seltener Vorteil, denn denselben Weg zurückfahren, muss man nicht. Sie zählen zu den abwechslungsreichsten und ursprünglichsten Wandergebieten in den Westalpen und begeistern mit stiller Natur, malerischen Dörfern und traditionellen Unterkünften.

Chiesa di San Peyre – Valle Maira – Piemont
Chiesa di San Peyre oberhalb von Stroppo im Valle Maira
Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Blick vom Marmora Höhenweg gen Süden in die Seealpen
Albergo Ceaglio in Marmora, Valle Maira
Albergo Ceaglio in Marmora
Toumin dal Mel Käse – Valle Varaita – Piemont
Toumin dal Mel Käse

Die westlichen Hochtäler Piemonts: Zwischen Tradition und Wiederentdeckung

Die Hochtäler westlich der sehenswerten Stadt Saluzzo und der Provinzhauptstadt Cuneo schneiden sich bis zu 60 Kilometer tief in die Cottischen Alpen hinein. Wie kaum anderswo im Alpenbogen steigt hier das Gebirge aus dem Flachland abrupt auf. Der höchste Berg der Region, der 3.841 m hohe Monviso, ragt mit seiner "matterhornschen" Schönheit deutlich über seine Nachbargipfel hinaus und ist aus der nur 20 Kilometer entfernten Po-Ebene weithin sichtbar.

In seinem GTA-Wanderführer bezeichnet der Alpenpapst Werner Bätzing die Gebirgsregion um die langen, parallel verlaufenden Varaita-, Maira- und Stura-Täler als den „schwärzesten Teil der Alpen“ – wohl eine Metapher für die massive Entvölkerung dieser Hochtäler seit der Industrialisierung. Dies ist besonders bemerkenswert, da hier über Jahrhunderte eine sehr intensive Acker-Alp-Wirtschaft betrieben wurde. Zunächst assoziieren wir Bätzings Umschreibung mit dem engen, tief eingeschnittenen und bewaldeten Talgrund des Valle Maira. Dieser erste Eindruck trügt jedoch, denn das Tal öffnet sich oberhalb der Baumgrenze wie ein Trichter. Auf über 2.000 Metern Höhe erwartet einen ein ideales Wandergebiet mit weiten Hochebenen und grandioser Fernsicht. 

 

Bergdorf – Cottische Alpen
Typisches Bergdorf in den Cottischen Alpen
Marmora Höhenweg – Valle Maira
Marmora Höhenweg

 

Diese piemontesischen Hochtäler sind nicht nur ein ausgezeichnetes Wandergebiet, sondern bieten Kulturinteressierten auch reichlich Anschauungsmaterial. Sie wurden vor über eintausend Jahren nicht aus der Po-Ebene heraus, sondern von der anderen Seite des Alpenhauptkamms, aus der französischen Provence, besiedelt. Von dort brachten die Siedler ihre okzitanische Kultur mitsamt der Sprache mit, die noch heute gesprochen wird. Zu sehen sind eng zusammengekauerte Bergdörfer mit ihren charakteristischen Schieferdächern, Klöster und hoch über dem Talgrund thronende Kirchen, in denen mitunter außergewöhnliche Fresken zu sehen sind. Ein Beispiel ist die S. Maria Assunta in Elva, die man bei der Fahrt über die Passstraße zwischen dem Maira- und dem Varaita-Tal unbedingt besuchen sollte. 

In den letzten Jahrzehnten wurde das Maira-Tal durch sanften Tourismus aus seinem langen Schlaf geweckt. Den Anfang machte in den Achtzigerjahren die Schaffung des „Grande Traversata delle Alpi“ (GTA), eines Weitwanderwegs, der in 68 Etappen den gesamten italienischen Westalpenbogen durchzieht. Einen weit größeren Schub erhielt das Tal jedoch in den neunziger Jahren durch die Etablierung des gelb markierten Talrundwegs, des „Percorsi Occitani“ (PO). Er zieht vor allem deutschsprachige Genusswanderer an, die das Kulturwandern der hochalpinen Einsamkeit des GTA vorziehen. Wir sind im Hoteldorf Ceaglio im Weiler Vernetti bei Marmora zu Gast. Von hier aus lassen sich beide Wanderwelten ideal verbinden.

Albergo Ceaglio – Ein Dorfplatz als Hotel-Lobby

Neben den Initiatoren des GTA und des PO-Wandernetzes sind es Menschen wie Peter Vogt, die dem Maira-Tal wieder Leben eingehaucht haben. Der Schweizer kam nach seiner Pensionierung vor über 20 Jahren mit seinem Mountainbike in die Albergo Ceaglio und blieb. Zeit seines Berufslebens als Manager in Sachen Marketing unterwegs, erkannte er sofort das Potential des Valle Maira – nicht nur für Wanderer sondern dank der vielen Militärstrassen auch für Biker. Er bot der Wirtsfamilie seine Hilfe an. Im Ceaglio ist er allgegenwärtig und steht den Gästen bei Wander- und Biketouren mit Rat und Tat zur Seite. (E-MTB Verleih im Haus).

Albergo Ceaglio – Valle Maira – Piemont
Der Dorfplatz des Weilers Vernetti ist die Lobby der Albergo Ceaglio
Albergo Ceaglio – Valle Maira – Piemont
Verwinkelt – die Albergo Difuso Ceaglio

Die Herberge selbst besteht nicht nur aus einem Gebäude, sondern aus dem halben Dorf. Rund um den Dorfbrunnen, der quasi als Zentrum der Hotel-Lobby fungiert, gruppieren sich mehrere liebevoll restaurierte Rusticos, in denen sich die Zimmer befinden. Das Hoteldorf-Konzept „Albergo Diffuso“ wird in Italien vielerorts erfolgreich angewandt, um verlassenen Bergdörfern neues Leben einzuhauchen. Wir finden, das ist der Familie Ceaglio, die diese Albergo schon in dritter Generation führt, besonders gut gelungen. Auf dem urgemütlichen Hotel-/Dorfplatz treffen sich rund um den Dorfbrunnen die Gäste nach einem anstrengenden Wandertag auf ein Bier oder entspannen im Liegestuhl und blicken dabei in die umgebende Bergwelt.

Garten mit Weitblick auf über 1.200m
Garten mit Weitblick auf über 1.200m

Abends beim traditionellen piemontesischen Mehrgangmenü werden die Speisen direkt am Tisch auf die Teller serviert, Nachschlag garantiert! Es geht lebhaft zu in der Trattoria. Hier treffen die unterschiedlichsten Leute aufeinander: das rüstige Duisburger Alpinisten-Ehepaar, eine Gruppe internationaler, lautstark Englisch quasselnder Downhill-Biker, eine homogene Wandergruppe des DAV Summit Clubs und die andächtigen Rundwanderer des Percorsi Occitani. Eine bunte Mischung aus Bergliebhabern, die hier im Ceaglio beim Abendessen zusammentrifft. Darauf einen hausgemachten Génépy Kräuterlikör!

Blick vom Zimmer auf den  Ceaglio "Dorfplatz".
Blick vom Zimmer auf den Ceaglio "Dorfplatz".

Drei Top-Wanderungen im Valle Maira

Wir hatten nur Zeit für drei Wandertage – absolut zu wenig. Peter Vogt empfahl uns dafür die nachfolgend kurz beschriebenen, sehr unterschiedlichen Highlight-Wanderungen: Ein spektakulärer Höhenweg, eine grandiose Hochebene und ein abwechslungsreicher Rundweg.

Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Das Edeltrips-Team auf dem Marmora Höhenweg
Marmora Höhenweg mit Blick auf Monviso – Valle Maira – Piemont
Auf dem Marmora Höhenweg – den 3.841m hohen Monviso im Blick

 

Marmora Höhenweg – Komfortable Gratwanderung, phänomenale Rundsicht!

13,5km – 5 Std. – Aufstieg 460Hm – Abstieg 1280Hm (Kompass-Führer Nr. 19)

 

Für diese wunderschöne One-Way-Höhenwanderung nutzen wir den Shuttle-Service der Albergo Ceaglio. In gut einer halben Stunde werden wir zusammen mit anderen Hotelgästen im Kleinbus auf die Passhöhe Colle d’Esischie gebracht. Von dort geht’s von kurzen Anstiegen auf Bergrücken abgesehen, stetig bergab entlang ockerfarbener Bergmatten. Dabei haben wir stets die im Norden liegende Pyramidenspitze des Monviso im Visier, blicken linker Hand auf die eindrucksvollen Gipfel der Chambeyron-Gruppe und rechts über die Maira-Berge hinweg weit hinunter in die dunstige Po-Ebene. Einmal gen Süden umgedreht bietet sich der phantastische Fernblick in die See- und Ligurischen Alpen. Unbedingt nur bei gutem Wetter und Fernsicht unternehmen! Schade für die Wanderer des Percorsi Occitani, dass diese Gratwanderung nicht auf der vorgesehenen Streckenführung liegt. (Der Preis für den Bus-Shuttle (80 €) wird auf die Mitfahrenden aufgeteilt).

 

Colle d'Esischie – Valle Maira – Piemont
Am Colle d'Esischie

Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Am Colle d'Esischie auf dem Marmora Höhenweg
Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Auf dem Marmora Höhenweg der Blick nach Süden in die Ligurischen Alpen
Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Auf dem Marmora Höhenweg der Blick nach Westen
Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Marmora Höhenweg
Valle Maira – Piemont
Blick hinab ins Valle Maira

Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Marmora Höhenweg – Valle Maira
Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont
Marmora Höhenweg – Valle Maira – Piemont

Nach dem sich lang hinziehenden Abstieg auf der Forststraße (ca. 2 Stunden) gilt es zum Schluß noch den hübsch renovierten Weiler Reinero zu besuchen. Auf der Veranda der Chiesa di San Massimo mit den spätgotischen Fresken machen wir vorher eine Pause und füllen dort Wasser. Wer sich in das Tal unsterblich verliebt hat und bleiben möchte, kann sich hier in liebevoll renovierten Rustico-Wohnungen zu Preisen von 3.000 bis 4000 Euro pro Quadratmeter in aller Abgeschiedenheit niederlassen.

 

Gardetta Hochebene – Außergewöhnliche alpine Landschaft

13km – 4:30 Std. – 760Hm Auf- und Abstieg (Kompass-Führer Nr. 9)

 

Bei der Wanderung zum Passo della Gardetta (2.437m) sind zahlreiche verfallene Befestigungen, Bunker und Militärstraßen zu sehen, die zu Mussolini-Zeiten erbaut wurden. Am Pass angekommen, eröffnet sich diese unglaublich schöne Alm- und Gebirgslandschaft, durch die sich eine Militärstrasse kilometerweit ohne lange Steigung bis zum Colle del Mulo zieht und vom majestätischen Rocca la Meja dominiert wird. Eine Traumroute für Mountainbiker! Der kurze Aufstieg vom Pass zum Bric Cassin ist meines Erachtens nicht lohnend. Besser ist es, den muskulösen Piemonteser Fassano-Rindern nicht zu nahe kommend, in die Ebene hinabzuwandern, im Rifugio Gardetta einzukehren oder weiter über die herrliche Hochalm zu wandern, solange die Füße den Rückweg auf derselben Route tragen. Anfahrt durch das Unerzio Tal hinauf an Chialvetta und Vivere vorbei, zuletzt auf Schotter, Parken am Wegesrand, siehe Google Maps.

Gardetta Hochebene – Valle Maira – Piemont
Ungewöhnliche Hochalpenlandschaft – die Gardetta Hochebene mit Rifugio Gardetta und Rocca la Meja
Gardetta Hochebene – Valle Maira – Piemont
Fassano-Rinder grasen auf der Gardetta Hochebene
Rifugio Gardetta mit Rocca la Meja – Valle Maira – Piemont
Rifugio Gardetta mit Rocca la Meja
Gardetta Hochebene mit Rifugio Gardetta – Valle Maira – Piemont
Gardetta Hochebene mit Rifugio Gardetta
Unerzio Tal – Valle Maira – Piemont
Hinab vom Passo della Gardetta

 

Frassati-Weg – Bildhübscher Alpsee, herrliche Aussicht ins Hintere Maira-Tal

13km – 5:30Std. – 1200Hm Auf- und Abstieg (Kompass-Führer Nr. 4)

 

Wenn man mit dem Wohnmobil oder Campingzelt unterwegs ist, bietet sich für diese Wanderung der Campingplatz Mistral bei Saretto an, der sich unmittelbar am Ausgangspunkt der Wanderung befindet. Wir stimmen dem Kompass-Wanderführer zu und empfehlen die Wanderung umgekehrt zur ausgeschilderten Richtung zu gehen. Einzig der kurze, geröllige Abstieg vom Monte Soubeyran ist dann etwas unangenehm, Stöcke sind hier sehr hilfreich. Den Gipfel könnte man aber auch auslassen. Gleich zu Anfang der Wanderung stößt man rechter Hand auf den bildhübschen Lago Visaisa, leider zu früh für eine Vesperpause. Auf dieser recht bekannten Wanderung war ich im Monat September fast komplett allein unterwegs. Auch hier bestätigt sich: das Valle Maira ist trotz Anstrengungen zur touristischen Entwicklung immer noch eines der ruhigsten Wandergebiete der Alpen. Beim Abstieg an der Hochalm Grange Pausa kommt es zu einer besonderen Begegnung: Auf der Alm grast eine Herde von rund 30 Mérens-Pferden. Diese robusten Gebirgspferde werden in den Westalpen halbwild gehalten. Weil sie besonders trittsicher, ausdauernd und äußerst sanftmütig sind, setzte Napoleon sie als zuverlässige Artilleriepferde ein. Ein junges Fohlen macht mir den Trinkwasserbrunnen streitig. Auf den alten Militärstraßen bieten sich schließlich herrliche Ausblicke auf Chiappera tief unten im Maurin-Tal, das sich aus dem Maira Tal fortsetzt.

Blick vom Monte Soubeyran nach Norden – Valle Maira – Piemont
Auf dem Monte Soubeyran, höchster Punkt des Frassati-Weges
Lago Visaisa – Valle Maira – Piemont
Am Lago Visaisa
Frassati-Weg – Colle Aguya – Piemont
Blick nach Frankreich am Colle Aguya
Frassati-Weg – eigentlich nicht für Bikes geeignet!
Frassati-Weg – eigentlich nicht für Bikes geeignet!
Merens Pferde – Valle Maira – Piemont
Merens Pferde

Auf der Hochalm Grange Pause grasen Merens Pferde
Auf der Hochalm Grange Pause grasen Merens Pferde
Maira-Tal – Piemont
Blick ins Maira-Tal vom Talschluß her
Maurin Tal - Piemont
Fortsetzung des Maira-Tals: das Maurin Tal mit dem Dorf Chiappera

Der Campingplatz „Mistral” liegt naturnah an einem Wildbach und bietet neben einem schönen Zeltplatz sechs Stellplätze für Wohnmobile mit modernem Sanitärhäuschen. 

 

Einkauf und Versorgung in Prazzo: Brot und andere Lebensmittel gibt es im gut sortierten Panificio-Alimentari . Gleich nebenan bietet die Macelleria Cesano von Metzger Nicola ausgezeichnetes Fleisch. Die weißen Fasonna-Rinder wachsen in der Bergregion auf und sind bekannt für ihr zartes Fleisch. Alles vom Rind kann man im angeschlossenen urigen Restaurant Furnel e Pirol mit Hüttencharme genießen – als Tartar, geschmort oder gegrillt. Vegetarier werden aber auch etwas  finden. Persönlich konnten wir es leider wegen Betriebsurlaub nicht testen.

Am ersten Sonntag im Oktober wird in Pozzo das Kartoffelfest gefeiert und die Messe der Kartoffelsegnung abgehalten. Die Kartoffel hat das Tal über hundert Jahre lang ernährt.

Restaurant Furnel e Pirol – Valle Maira – Piemont
Restaurant Furnel e Pirol

Über einen Alpenpass mit Halt im Bergdorf Elva

Das Maira und Varaita Tal sind in etwa der Mitte durch eine Passstraße über den aussichtsreichen Colle di Sampeyre  verbunden. Auf der Passhöhe auf 2.284 m eröffnet sich ein beeindruckendes Gipfel-Panorama, das beide Täler gleichermaßen umrahmt. Vom Parkplatz aus lohnt sich ein Spaziergang mit großartigen Ausblicken in alle Richtungen. Dahinter entfaltet sich das Valle Varaita – in Landschaft und Stimmung spürbar anders.

Colle di Smapeyre – Piemont
Passhöhe Colle di Smapeyre zwischen Maira und Varaita Tal
Col – Piemontle di Smapeyre
Auf der Passhöhe Colle di Smapeyre

 

Das Bergdorf Elva ist ein lohnenswerter Abstecher auf der Strecke vom Valle Maira ins Valle Varaita.

Im 15. Jahrhundert hat es den flämischen Wandermaler Hans Clemer, genannt der 'Meister von Elva', in dieses abgelegene Bergdorf auf 1.600 Metern verschlagen. In der Dorfkirche hinterließ er Chorfresken, die zu den bedeutendsten Kunstschätzen im westlichen Piemont gehören. Leider konnten wir wegen Filmaufnahmen nicht hinein. Außergewöhnlich ist die Geschichte der Pelassiers, der 'Haarsammler von Elva'. Zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert zogen Männer durch die ärmsten Bergdörfer und tauschten die Haare der Frauen gegen Geld. Aus diesem kleinen Nebenverdienst entstand in Elva ein internationales Geschäft für die weltweite Herstellung von Perücken. Besonders begehrt war das weiße Haar als Mode- und Standessymbol. Das Museo di Pels (Haarmuseum) erzählt davon.

 

Von außen unscheinbar, von innen ein Juwel: die Dorfkirche Maria Assunta in Elva. 

Oberhalb von Elva befindet sich Felssporn Fremo Cuncuna, ein spektakulärer Aussichtspunkt oberhalb von Elva. Nur 10 min vom Parkplatz an der Straße.

Felssporn Fremo Cuncuna Elva
Das Team Albergo Ceaglio auf dem Fremo Cuncuna

Empfehlungen: Wanderführer & Literatur

Der Kompass-Wanderführer Piemont Valle Maira bietet 35 Touren, eine übersichtliche Tourenkarte sowie interessante Informationen zur Kultur und Geschichte der Region. 

Der Rother Wanderführer Piemont Süd: 50 Touren vom Monviso bis zu den Ligurischen Alpen – umfasst neben dem Maira auch das Varaita und weitere Alpentäler. Hinweis: Die angegeben Wanderzeiten sind ambitioniert.

Beide Führer inkl. Maira-Rundweg (Percorsi Occitani).

Rother Wanderführer Piemont Süd

 

Grande Traversata delle Alpi (GTA) Teil 2: Der Süden. Werner Bätzing – 9. Auflage im Rotpunktverlag

Er schenkte den Westalpen stets seine besondere Aufmerksamkeit. Der bekannte Alpenforscher Werner Bätzing, Geograf und Theologe, hat diesen gehaltvollen Führer über den GTA-Weitwanderweg verfasst. Er richtet sich an alle, die mehr über den Natur- und Kulturraum Westalpen erfahren wollen, als nur eine nackte Wanderbeschreibung zu lesen. Amazon

 

Antipasti und alte Wege – Valle Maira – Wandern im anderen Piemont. Ursula Bauer und Jürg Frischknecht im Rotpunktverlag

10. Auflage 2024 mit aktuellem Service-Teil, sowie neue Unterkünfte und Geschichten. Das Buch zum Talrundwanderweg Percorsi Occitani (kurz PO oder Mairaweg), das entscheidend neben dem GTA Führer half, den sanften Tourismus im Maira-Tal zu verbreiten. Viele Infos auch zu Kultur, Unterkünften und der Provinzstadt Cuneo und der Stadt Dronero am Taleingang. (Amazon*)

 

ROMAN TIPP: Der Steingänger (2015) von Davide Longo – spielt im Varaita-Tal (Amazon*)

Für Schlechtwettertage vor Ort. Ein Krimi, mit dem man auch im Lesesessel das Varaita Tal und seine Nachbartäler durchleben kann, weil man im Buch eine punktgenaue metaphorische Beschreibung der Landschaft und Einwohner erhält. 'Viel mehr als ein Krimi', schreibt die FAZ. Sein neuer Roman Ländliches Requiem (2025) spielt im Turin der 1980er Jahre.

Das Nachbartal Valle Varaita – anders und nicht minder schön!

Das Varaita-Tal wird von zwei markanten Landschaftsmerkmalen geprägt: dem Gipfel des Monviso, der das Tal überragt, und dem Fluss Varaita, der es durchfließt. Während im Maira-Tal im Talschluss auch Schluss ist mit der Straße, führt im Varaita-Tal eine eindrucksvolle Passstraße über den Colle dell’Agnello ins französische Queyras.

 

Chianale – Valle Varaita – Piemont
Wunderbar restauriert, das Dorf Chianale im Varaita Tal

 

Während das Valle Maira durch eine sanfte touristische Vermarktung, zu der unter anderem der Weitwanderweg GTA und der Talrundweg Percorsi Occitani gehören, ein internationales, aber vor allem deutschsprachiges Publikum anzieht, hatten wir den Eindruck, dass das nördlich benachbarte Varaita-Tal noch vorwiegend von Italienern besucht wird, denn das Tal ist noch ein bodenständiges und günstiges Ferienziel.

 

Das Varaita-Tal ist neben dem Po-Tal ein beliebter Ausgangspunkt für den Giro del Viso, die dreitägige Umrundung des mythischen „Königs aus Stein“, des 3.841 m hohen Monviso. Im Winter locken zwei kleine Skigebiete in Sampeyre und Pontechianale zum Skivergnügen – ein Hauch Retro-Charme inklusive.

 

Unsere Basis: Pontechianale, wo Italiener Ferien machen

Pontechianale am Stausee Lago di Castello (Foto Luca Bergamasco)
Pontechianale am Stausee Lago di Castello (Foto Luca Bergamasco)

Mitte September sind wir gerade noch rechtzeitig in Pontechianale angekommen, um die letzten Öffnungstage des Campingplatzes Libac mitzunehmen. Der sympathische, familiengeführte Campingplatz liegt unweit des Castello-Stausees. Ein großzügiges, offenes Rasenareal mit modernen Sanitäranlagen, die jedoch für die Größe des Platzes etwas unterdimensioniert wirken. Es gibt eine gemütliche Café-Bar mit Kamin und der Rezeption. Im Winter muss der Platz geschlossen bleiben, da er dann als Zieleinlauf eines kleinen Skihangs dient.

 

Im Ort gibt es einen kleinen Minimarkt. Schön ist ein Spaziergang ins alte Dorfensemble über der Strada Provinciale hinauf. Offizielle Webseite Pontechianale. 

 

 

TIPP FÜR SELBSTVERSORGER:

Lebensmittel und Wanderproviant kaufen wir vorher im OK Market in Sampeyre ein, dem Hauptort im oberen Varaita-Tal. Der von außen etwas ältlich wirkende Supermarkt überrascht im Inneren mit sehr guter lokaler Qualität: Eine sensationell gute Fleisch- und Käsetheke mit Produkten lokaler Hersteller, frische Pasta, richtig gutes Brot und viele regionale Spezialitäten.  (Donnerstags geschlossen).


 

Vom Ortsteil Maddalena führt ein Sessellift auf das Bergplateau. (im September nur noch die ersten beiden Wochenenden). Von dort aus führt eine beliebte Wanderung zum Rifugio Vallanta und über das Vallanta-Tal dem Fluss entlang wieder hinab in den Ort. Dauer:  ca. 4 bis 5h. 

 

Ebenso beliebt ist die Wanderung zum Rifugio Bagnour. Die Hütte in schöner Lage ist sehr gemütlich und die traditionelle Küche ausgezeichnet. Beliebt sind die Polenta-Gerichte und der berühmte Blaubeerkuchen aus den Wildbeeren vor der Tür. (Auf Öffnungszeiten achten). Der Aufstieg von Castello di Pontechianale dauert ca. 1h15 (400 Hm). Dabei geht es durch einen Teil des Alevè-Waldes, der größte reine Zirbelkieferwald der Alpen. Die Variante im Rother Wanderführer ist eine Rundwanderung über einen Moorsee zur Hütte (3,5-4h). 

 

Highlight Wanderung zum grandiosen Seenplateau

Lago Bleu – Valle Varaita – Piemont
Über dem Lago Bleu am Col de Longet
Col Longet – Ubaye-Tal – Piemont
Grandioses Hochmoor auf französischem Boden am Col Longet

 

Wanderung zum Col Longet – Traumhaftes Hochmoor jenseits der Grenze

12km – 5.30 Std. – Auf- und Abstieg 900Hm (Rother Wanderführer Piemont Süd Nr. 9)

 

Neben ein, zwei kleineren Wanderungen aus dem Rother Wanderführer unternehmen wir diese lohnende und tagesfüllende Tour hinauf zum pittoresken Seenplateau zwischen Varaita- und Ubaye Tal. Bevor wir mit der Wanderung loslegen, besuchen wir im Morgenlicht das Steindorf Chianale, vielleicht das schönste, das wir in unseren Tagen in den Cottischen Alpen gesehen haben. Authentisch und behutsam renoviert kann man hier die typischen Natursteinhäuser mit ihren schweren Schieferdächern bewundern. Am liebsten wären wir gleich im sympathischen Ristorante Laghi Blu eingekehrt, aber die Wirtin macht am Saisonende nur mittags auf, und unsere Wanderung lag ja noch vor uns.

Der mühsame Aufstieg entschädigt bald mit einem ersten Blick auf den Monviso und einer Rastmöglichkeit am malerischen Lago Bleu

 

Lago Bleu – Varaita Tal – Cottische Alpen
Lago Bleu
Col de Longet – Valle Varaita – Cottische Alpen
"Friedhof" am Lago Bleu
Hochmoor am Col Longet – Valle Varaita – Piemont
Hochmoor am Col Longet

Wir empfehlen: die Wanderung nicht am Col Longet zu beenden, sondern noch ein Stück in die weitläufige Moorfläche hineinzuwandern, um sich dort ein bequemes Plätzchen mit Blick über das Hochmoor zum Monviso zu suchen – ein herrlicher Platz, um eine ausgiebige Mittagsrast zu machen.

Hochmoor am Col Longet mit Blick auf den Monviso – Piemont
Über das Hochmoor hinweg, Blick auf den Monviso
Kann man besser vespern?! Toumin dal Mel Käse
Kann man besser vespern?! Toumin dal Mel Käse

Berge um den Lago Bleu – Varaita Tal – Cottische Alpen
Berglandschaft am Lago Bleu

Chianale – das schönste Dorf im Valle Varaita

Auf dem Weg hinauf zum Colle dell’Agnello taucht Chianale auf – das auf 1.800 Metern gelegene, letzte und schönste Dorf im Valle Varaita. Mit seinen sorgfältig restaurierten Steinhäusern, den engen Gassen und der alten Steinbrücke, die den Wildbach Varaita überspannt und das Dorf teilt, zählt es zu den „borghi più belli d’Italia“, den historisch wertvollsten Dörfern Italiens. Die Kirche Sant’Antonio aus dem 14. Jahrhundert ist ein schönes Beispiel alpiner Sakralkunst. Das Dorf bietet ein gutes gastronomisches Angebot; besonders empfehlenswert ist die Locanda La Peiro Groso mit sehr gutem Essen und einigen Zimmern. Das Agriturismo Pra Mourel ist bei Wanderern beliebt.

Chianale ist in dieser abgeschiedenen Ecke der Cottischen Alpen vom Touristenansturm bis heute verschont geblieben.

Chianale im Varaita Tal – Piemont
Chianale im Varaita Tal
Dorfkirche in Chianale - Valle Varaita – Piemont
Dorfkirche in Chianale

Ein gutes schlichtes Mittagessen: Das Ristorante Laghi Blu in Chianale serviert ein günstiges Menü. 

Kirche in Chianale – Valle Varaita – Piemont
Kirche in Chianale
Chianale – Valle Varaita – Piemont
Chianale

Varaita-Highlight: Der Colle dell'Agnello

Passstrasse Colle dell'Agnello - Cottische Alpen
Passstrasse Colle dell'Agnello

Bei unserer Wanderung beginnt auch bald die berühmte Passstraße, ein Highlight im Varaita-Tal. Die Fahrt über die hochalpine Passstraße, die auf 2.744 Metern Höhe zum Colle dell'Agnello führt, zählt zu den spektakulärsten Alpenüberquerungen. Die Straße schlängelt sich in zahllosen Kehren und mit teils steilen Rampen durch die raue Landschaft hinüber nach Frankreich. Sie ist Teil der Tour de France und des Giro d’Italia und ist etwa zwischen Mitte September und Juni geschlossen.

 

Das Rifugio Alpino Mario Bottero ist von der Passstraße aus schnell zu Fuß erreicht. Es hatte bereits geschlossen, aber wir genießen hier noch die Aussicht bei einem Picknick.

 

Diese Gegend ist besonders aussichtsreich, um Alpensteinböcken zu begegnen. Wir beobachteten eine Herde von bestimmt 70 bis 100 Tieren direkt oberhalb der Straße. Besonders in den frühen Morgen- oder späteren Nachmittagsstunden stehen die Chancen gut.

Das Rifugio Alpino Mario Bottero vor dem Monviso-Massiv – Cottische Alpen
Das Rifugio Alpino Mario Bottero vor dem Monviso-Massiv

Ausflug ins Nebental Bellino – zu urigen Steindörfern

Celle di Bellino – Bellino Tal – Piemont
Celle di Bellino

Im Valle di Bellino, einem versteckten Juwel im Valle Varaita, scheint die Zeit langsamer zu vergehen – und das nicht nur wegen der vielen Sonnenuhren. Die Steindörfer im engen Tal wirken melancholisch und einzigartig schön. Die schweren Schieferplatten stapeln sich schützend auf den Dächern der Häuser aus dickem Stein und zeugen von winterlicher Geduld. Auf den hoch angebrachten hölzernen Balkonen lagert das Brennholz. Die Winter im Bellino-Tal sind lang. Das Dorf Celle di Bellino ist das Herz dieses architektonischen Schatzes. Bei Casteldelfino zweigt das Bellino-Tal ab.

  • LESETIPP: Die raue Stimmung des Tals wird in dem Roman "Der Steingänger" gut eingefangen.  
Celle di Bellino – Bellino Tal – Piemont
Celle di Bellino
Celle di Bellino - Bellino Tal – Piemont
Celle di Bellino

Ein Restaurant-Tipp in Celle ist die Locanda Enventoour, die auch Zimmer anbieten. Einen Blick wert ist auch die Osteria L'Iero d'Eima, die auch als Albergo diffuso zum Übernachten dient.

Fotos unten Locanda Enventoour

Das Bellino-Tal besteht aus zehn Weilern mit typischer okzitanischer Architektur, in denen 35 historische Sonnenuhren erhalten sind. Mit ihnen haben die Menschen Jahrhunderte lang den Rhythmus ihres eigenen Kosmos bestimmt und ihr Leben in den Bergen gestaltet. Von Bellino bis Celle di Bellino können die Dörfer auch auf dem „Sentiero del Sole“ erwandert werden. 

Am Ende des Bellino-Tals liegt das Rifugio Meleze auf 1.800m. Die Hütte ist authentisch italienisch, bietet Zimmer und gute Hausmannskost. Vor allem wird hier die Polenta mit Salsiccia gegessen, dazu ein Glas Rotwein, und man ist rundum zufrieden. Im Winter kommen die Skitourengeher und Eiskletterer hierher. 

Rifugio Meleze – Bellino Tal – Piemont
Rifugio Meleze am Ende des Bellino Tals

 

Aus dem Varaita-Tal hinaus Richtung Saluzzo (absolut sehenswerte Stadt und kaum Touristen)Ein kurzer Abstecher vom Weg führt in das restaurierte Dorf Rore. Am Aussichtspunkt steht eine der Riesenbänke des Piemonts "Panchina Gigante", die an ausgewählten Orten platziert wurden – von Weinhügeln bis zu historischen Dörfern.

Der berühmte Käse von Valle Varaita

Nach Jahren der Landflucht haben die Enkel das Tal und die Höfe wiederentdeckt. Einige betreiben ein Agriturismo, andere Landwirtschaft und produzieren vermehrt den traditionellen Käse. Der Toumin dal Mel ist das Wahrzeichen des Val Varaita – weich, zunächst mild und milchig, später mit feinen Aromen von Moschus und Waldboden, die sich mit zunehmender Reifung entfalten. Sein Ursprung reicht ins Jahr 1895 zurück: Zwei Frauen gaben die Butterproduktion auf und begannen, aus Vollmilch einen kleinen Toma-Käse herzustellen. Der „Toumin“ fand sofort Anklang, verbreitete sich in den Dörfern des Tals und wurde über ein Jahrhundert lang zur wichtigsten Einnahmequelle der Region. Talabwärts in Melle entstand das Zentrum des Handels. So kam es zum Namen Toumin dal Mel – „kleiner Toma aus Melle“.

  • Heute produziert die Käserei Azienda Agricola Roggero in Melle den Toumin dal Mel in handwerklicher  Slow-Food-Qualität. Der kleine Laden liegt direkt an der Straße.

Für Camper gibt es in Melle einen großen Stellplatz mit Dusch&WC-Haus: Area Camper Melle

Von Jürgen Mahler

Wenn der Bericht gefallen hat, freue ich mich über einen Eintrag im Gästebuch.

></body></html>