Wanderspass auf allen Etagen im südtiroler Vinschgau

Der Vinschgau (ital. Val Venosta) mit seinen Seitentälern ist eine einzigartige Mischung aus Kulturlandschaft, mittelalterlichen Städtchen und Hochgebirge. Spaziergänge durch malerische Örtchen wie Glurns oder Mals, gemütliche Wanderungen entlang der historischen Waal-Wasserwege, Bergwanderungen mit und ohne Unterstützung der Bergbahnen oder Hochtouren in die Gletscherwelt der Ötztaler oder Ortler Alpen, das Val Venosta bietet Reize für jeden Geschmack und Anspruch.

Blick auf die Ortler-Gruppe
Mittagsruhe vor großer Ortler-Kulisse

Die gewaltigen Höhenunterschiede auf kurzer Distanz lassen hier die vergletscherten Berge noch mächtiger erscheinen. So sind es vom 990m hoch gelegenen Örtchen Prad in der Vinschgauer Talebene bis zum mit 3.905m höchsten Gipfel der südlichen Ostalpen, dem Ortler, gerade einmal 12 km Luftlinie. 

Unterwegs auf dem Trafoier Höhenweg
Unterwegs auf dem Trafoier Höhenweg

Der Vinschgau (ital. Val Venosta) liegt im Dreiländereck Italien, Schweiz, Österreich und zieht sich gut 70km vom rund 1.500m hoch gelegenen Reschenpass, wo die Etsch entspringt, sanft bergab in Richtung Meran. Heute eines der Wahrzeichen des Vinschgau ist der im Reschensee stehende Kirchturm, einziges sichtbares Überbleibsel von Alt-Graun, nachdem 1950 der Staudamm in Betrieb genommen wurde. 

Alt-Graun Kirchturm im Reschensee
Im Reschensee, Kirchturm der ehemaligen Pfarrkirche St. Katharina von Alt-Graun

Wer kennt sie nicht vom heimischen Bäcker, die Vinschgauer, würzige, fladenförmige Brötchen, der  wohl berühmteste Exportartikel des Vinschgau. Vor Ort nennt man das herzhafte Sauerteig-Gebäck ‚Paarl’, lange haltbar, gehört es in jeden Wanderproviant. 

Vinschgauer Paarl Fladenbrot – ideal für den Wanderproviant
Vinschgauer Paarl Fladenbrot – ideal für den Wanderproviant

Glurns – Zu Gast im Mittelalter

Wir quartieren uns im historischen Gasfhof 'Zum Grünen Baum' in Glurns ein. Das kleine Städtchen am Eingang des Münstertals ist von einer voll intakten mittelalterlichen Stadtmauer umringt, durch die drei Stadttore kann man mit dem Auto hineinfahren, geparkt wird aber außerhalb der Stadtmauern. Der Gasthof mit seinem neuen Schwesterhotel 'Belevenu' liegt zentral am herrlichen Stadtplatz.

Stadtplatz Glurns mit Gasthof Zum Grünen Baum und Belvenu Boutique-Hotel
Stadtplatz Glurns mit Gasthof Zum Grünen Baum und Belvenu Boutique-Hotel

Gut gekühlt entlang des Leiten- und Bergwaals bei Schluderns

Bergwaal bei Schluderns
Entlang des Bergwaals

Es ist spät nachmittgas Ende Juni und es ist heiß, sehr heiß. Wir mühen uns von Schluderns hinauf zum Kalvarienberg, die Kreuzigungsgruppe steht eindrucksvoll über dem Ort mit der mächtigen Churburg. In der Sommerhitze sollte unser Leidensweg bald enden, denn wir hören das Rauschen des Wassers, der Waalweg des Leitenwaal kann nicht mehr weit sein, die ersehnte Abkühlung naht.

Kreuzigungsgruppe auf dem Kalvarienberg von Schluderns
Kreuzigungsgruppe auf dem Kalvarienberg von Schluderns

Auf Madeira nennt man sie ‚Levadas’, im Vinschgau heißen sie ‚Waal’, die vom Mensch angelegten Bewässerungskanäle, die Wasser aus den Gebirgsbächen in die niederschlagsarmen Täler leitet. Das für die Landwirtschaft im Mittelalter angelegte Netz von Wasserkanälen ist im Laufe der Zeit modernen Bewässerungsmethoden gewichen, die heute überall sichtbar die Vinschgauer Wiesen und Obstplantagen im Dauerbetrieb besprenkeln. 

Die noch übrig gebliebenen 20 Waale dienen einem gleichsam wichtigen Wirtschaftsfaktor: Dem Tourismus. Denn die Waale werden stets begleitet durch einen Waalweg, früher zur Wartung der Wasserkanäle unverzichtbar, heute für große und kleine Wanderer eine besondere Attraktion.

 

Der Leitenwaal führt uns auf leicht ansteigendem Pfad hinein in den Wald des Matscher Tals. Das milchige Gletscherwasser der Ötztaler Alpen fließt uns mal lautstark und rasant, mal gemächlich entgegen. Der Pfad ist bestens in Stand gehalten, mächtige Schwarzkiefern und knorrige Lärchen säumen den Weg. Nach gut einer Stunde überqueren wir den Saldurbach und wandern dem Bergwaal entlang wieder talauswärts, wo das Wasser des Waals in Rohrleitungen verschwindet, die Richtung Obstplantagen laufen. Eine herrliche Waalwanderung !

 

Wanderung ab Schluderns, insgesamt ca. 2,5 Stunden inklusive vieler Stopps zur Begutachtung des Waals.

Der Watles – Aussichtsberg par excellence

Zum ‚Einwandern’ und für einen wunderbaren Überblick über das Vinschgauer Tal und die umgebene Bergwelt, machen uns auf zum Watles, einem Bilderbuch-Aussichtsberg. Vom Örtchen Burgeis mit seiner mächtigen Fürstenburg fahren wir mit dem Auto vorbei am Kloster Marienberg hinauf auf 1.700m zur Talstation des Sessellifts. Wir gönnen uns die Fahrt mit dem Lift, unsere Rundwanderung beginnt an der Bergstation ‚Plantapatsch’. Im Winter befindet sich hier eines der 15 Wintersportgebiete des Skiverbundes Ortler Skiarena. Im Sommer lockt die Kinder-Erlebniswelt an der Plantapatschhütte Familien an, wir aber wollen rasch weg von der Berginfrastruktur und gehen auf unsere dreistündige Rundwanderung, zunächst Richtung Pfaffensee.

Der Pfaffensee entzückt am heutigen Tag nicht nur mit seiner idyllischen Lage. Ein Schweizer Gesangsverein hat sich die Landschaft um den See als Probenraum genommen und lässt seine ganze Gesangskunst in vielstimmigen, getragenen, manchmal jodlerhaften Chorälen hören. Wir applaudieren und wandern weiter durch ein Meer von rostblättrigen Alpenrosen zum Schafberg. Die Ausblicke auf die Ötztaler Gletscher sind famos, das Obervinschgau liegt uns zu Füssen. Am Schafberg dreht unser Weg und führt hinauf auf breitem Rücken zum flachen Gipfel des Watles. Von hier oben bietet sich ein prächtiger Rundumblick auf die Bergwelt: im Nordosten, die Ötztaler Alpen, übers Vinschgauer Tal hinweg, die Ortlergruppe im Süden und westlich, die Dreitausender der Sesvenna-Gruppe.

Trafoier Höhenweg – Die Ortler-Gruppe direkt vor der Nase

Sechs Monate im Jahr ist der Stilfser Joch Pass offen und sechs Monate im Jahr ist die Passstraße das Mekka der Motorrad- und Rennradfahrer. Die Bergstraße schlängelt sich im Trafoier Tal über 48 Kehren hinauf zum Stilfser Joch, mit 2.757m Italiens höchster Gebirgspass und nur knapp hinter dem Col’ de L’Iseran (2.764m) im französischen Savoyen der zweithöchste überfahrbare Pass der gesamten Alpen. Auf der Südseite geht’s hinab in den bekannten italienischen Wintersportort Bormio.

Kein Wunder also, dass an diesem Samstag Ende Juni eines der vielen Radrennen stattfindet, das uns Wandersleut’ einen Strich durch die Rechnung macht. Unser Plan war, bequem mit dem Bus (kostenlos mit der Vinschgauer Mobilcard) von Trafoi zum Stilfser Joch Pass hinaufzufahren und von dort auf dem Trafoier Höhenweg in rund 3 Stunden zur Furkelhütte 600 Höhenmeter bergab zu wandern. Der Bus machte aber heute wegen des Rennens Endstation bei der Franzenshöhe, auf halbem Weg zum Pass. Unsere Bemühungen per Anhalter weiterzukommen waren vergebens, die Begleitfahrzeuge mit schwäbischen Kfz-Zeichen nehmen ihre Aufgabe ernst, sie müssen ihre Rückbank für schlappmachende Radler freihalten.

Stilfer Joch Passstrasse
Blick vom Trafoier Höhenweg auf die Stilfser Joch Passstrasse

Ein Plan B ist angesagt: Auf Anraten der freundlichen Wallnöfer Karin vom Hotel Franzenshöhe gehen wir auf der Passstraße zwei Kehren hinab und steigen von dort über Wanderweg Nr. 12 und 16 ca. 600 Hm auf, wo wir beim Goldsee auf den Trafoier Höhenweg stoßen. Wahrlich keine schlechte Variante. Beim Aufstieg  rasten wir auf einem herrlichen Grasplateau und machen ein Foto-Shooting mit den zutraulichen Schafen. Die nahen Gletschergipfel der Ortler-Gruppe im Hintergrund wirken auf den Fotos wie eine Wandtapete.

Zwiegespräch mit Schaf vor alpiner Kulisse
Zwiegespräch mit Schaf vor alpiner Kulisse
Furkelhütte Trafoier Höhenweg
Panorama-Blick von der Furkelhütte am Trafoier Höhenweg

Unter der unendlichen Auswahl an Bergwanderungen im Vinschgau ist der Trafoier Höhenweg (auch Wormisionssteig genannt, nach Worms, dem früheren Namen von Bormio) erste Wahl. Die massive Gletscherwelt der Ortler-Gruppe vor der Nase, ist es eine gemütliche, dreistündige Bergabwanderung, insbesondere wenn man sich am Ende den Sessellift von der Furkelhütte hinab nach Trafoi gönnt. Allerdings müssen die Busse fahren, also erkundigen Sie sich vorab, ob ein Radrennen stattfindet.